Wer hat die Macht?


Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht in einem Interview mit der ZEIT über seine These zur „Gesellschaft der Singularitäten.“ Sein gleichnamiges Buch ist ein Bestseller – kaum überraschend, da es anscheinend (ich habe es nicht gelesen) vor allem dem anschwellendem Volksempfinden nach dem Mund zu reden scheint – jenes im gesamten politischen Spektrum wachsende, vage Unbehagem am gesellschaftlichem Fortschritt, diese immer stärker werdende Überzeugung, man habe es irgendwie übertrieben mit der Freiheit, dem Modernen und dem Emanzipatorischen.

Reckwitz entwickelt daraus eine ganze soziologische Theorie: die Gesellschaft sei in drei „Klassen“ gespalten, die sich einzig und allein daraus ergeben, wie sie sich zum kulturellen Erbe der 1960er, zum Individualismus und der kosmopolitischen Fortschrittlichkeit, verhalten. Hier ein paar relevante Passagen aus dem Interview:

„RECKWITZ: In der Spätmoderne sollte man wieder von Klassen reden können. Da lassen sich drei unterscheiden: die neue Mittelklasse der Akademiker, die alte Mittelklasse und die neue Unterschicht. Die neue akademische Mittelklasse mit ihrem speziellen Konsum und dem Wunsch nach Lebensqualität macht ein Drittel der Gesellschaft aus. Die Mitglieder der neuen Mittelschicht habem zudem ähnliche Werte: Kosmopolitismus, Selbstentfaltung, Meritokratie, also Leistungsgerechtigkeit… Das ist die kulturell tonangebende Gruppe.

 Man erkennt wieder Klassen, die sich hierarchisch voneinander unterscheiden – nicht nur in ihrer materiellen Ausstattung, sondern auch in kulturellen Ressourcen und Lebensperspektiven. Ich würde hier von einer Drei-Drittel-Gesellschaft sprechen: Die neue Mittelklasse steigt über die Bildungsexpansion auf, die neue Unterschicht bewegt sich nach unten – und dazwischen haben wir die alte Mittelklasse.

Der empörte Blick auf die Superreichen verschleiert zumindest die viel entscheidendere Differenz: die zwischen der neuen und der alten Mittelklasse sowie der unteren Klasse. Und es geht nicht allein um materielle Möglichkeiten, denn folgenschwer ist auch der kulturelle Faktor. Der Aufstieg hängt mit Bildungsabschlüssen zusammen und mit der Entwicklung eines neuen Lebensstils.

ZEIT: Also gehört der sich prekär fühlende Doktorand mit Freunden in Kalifornien, Paris und Barcelona heute in Wahrheit zur herrschenden Klasse?

RECKWITZ: In der Zuspitzung ja, er gehört kulturell zur neuen Mittelklasse, auch wenn das Einkommen momentan gering sein mag. (…)

ZEIT: Wie reagieren die Unterschichten und die alte Mittelklasse?

RECKWITZ: Man kann hier von einem „Abstieg“ sprechen, der aber analog keineswegs nur ein materieller ist. Entscheidend ist hier eine kulturelle Entwertung und Kränkungserfahrung.

Und ganz besonders sollte dieser Abschnitt hervorgehoben werden:

Das Politische in der Spätmoderne kreist nicht mehr um Verteilungsfragen, sondern stark um kulturelle Fragen. Seit den 1980er Jahren ist der neue, dominante Liberalismus ja essenziell mit dem Thema kulturelle Diversität verknüpft. Wieder greift hier eine reine Neoliberalismus-Diagnose nicht. Es gibt natürlich eine wirtschaftsliberale Seite des neuen Liberalismus, und es gibt zugleich eine linksliberale Seite, bei der es um Persönlichkeitsrechte und Diversität geht.“

Diesem abstruse Denkmuster ist heutzutage kaum noch aus dem Weg zu gehen, es findet sich an allen Ecken und Enden: die Vorstellung, Neoliberalismus und „kulturelle Liberalisierung“ seien zwei Seiten der selben Medaille. Hat man diese (verkehrte!) Annahme erst einmal akzeptiert, versteigt man sich leicht zu so realitätsfremden Diagnosen, wie zum Beispiel, dass die mit kulturellem Kapital ausgestattete linksliberale „Neue Mittelschicht“ die traditionelleren, konservativen Mittelschichtler im Staub zurücklasse. Was ein Quatsch, was für eine Verdrehung der gesellschaftlichen Tatsachen!

Es ist einfach von Grund auf abwegig, in Deutschland das kulturelle Kapital der urbanen Konsumhipster mit gesellschaftlichem Status gleichzusetzen. Wenn man sich in einer Blase aus linksliberalen Leistungsträgern bewegt, kann einem das so erscheinen. Doch die Kultur der gesellschaftlich tatsächlich dominanten Schicht (dem oberen Drittel also), ist nicht die von Friedrichshain-Kreuzberg, sondern von der Düsseldorfer Vorstadt und dem Baden-Würtemberger Land. Die zunehmende Wut der dort lebenden Leistungsträger auf vorlautere Schmarotzer aller Art, ob im Kulturbetrieb oder in der Unterschicht, kann man sich durchaus zu „kultureller Verunsicherung“ zurechtlügen – aber es ist halt Quatsch.

Winden sich die ganzen Ärzte, Anwälte, Richter, hohen Verwaltungsbeamten, Bosse, Maschinenbauingenieure und andere strunzkonformistischen Führungskräfte wirklich vor Selbsthass und Minderwertigkeitsgefühlen im Staub vor dem perspektivlos dahinjobbenden urbanen Kulturprekariat? Oder ist es nicht eher andersherum? Wir leben in konservativen Zeiten, und gerade dass überall herumposaunt wird, es sei nicht so, ist dafür das deutlichste Zeichen.

Nebenbei: wer so denkt wie Reckwitz, und das tut heutzutage fast jeder, kommt fast zwangläufig bei so banalen, pseudo-liberalen, aber tatsächlich schlicht und einfach konservativen, „Anti-Identitätspolitik“-Predigten wie der von Mark Lilla an. Um die hatte ich mich vor einiger Zeit in der Jungle-World gekümmert:
https://jungle.world/artikel/2017/45/die-identitaetspolitik-und-die-frage-wer-wen-verriet

 

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