Limonow – Teil 3: Eduard

 

2013

“… und ich, Eduard Limonow, werde an der Spitze der Kolonne marschieren, und alle werden mich erkennen und mich lieben.”

Sie werden alle kommen. Die Ganoven und die Schüchternen – die sind hart im Nehmen. Die Dealer und Verteiler von Bordellprospekten. Die Wichser und die Kunden von Pornoheften und -kinos. Die, die allein in Museen die Säle auf- und abgehen oder kostenlos kirchliche Bibliotheken aufsuchen. Die, die zwei Stunden brauchen, um bei McDonald’s ihren Kaffee zu schlürfen, und dabei traurig aus den großen Fensterscheiben gucken. Die Gescheiterten in der Liebe, im Anhäufen von Geld, im Job und diejenigen, die das Pech hatten, in eine mittellose Famillie hineingeboren zu sein. Die Rentner, die im Supermarkt in der Schlange für Kunden mit weniger als fünf Artikeln stehen. Die schwarzen Gangster, die davon träumen, eine reiche Weiße aufzureißen, und sie vergewaltigen, weil sie es nicht schaffen. Der grauhaarige doorman, der so gern die verzogene Göre der Reichen aus der obersten Etage einsperren und foltern würde. Die Tapferen und Starken, die aus allen Himmelsrichtungen herbeiströmen, um sich hervorzutun und zu Ehren zu kommen. Die Pärchen von Homosexuellen, die sich um die Taille halten. Die Minderjährigen, die sich lieben. Die Maler, Musiker und Schriftsteller, deren Werke niemand kauft. Der große und tapfere Stamm der Versager, losers auf Englisch, neudatschniki auf Russisch. Sie werden alle kommen, sie werden zu den Waffen greifen und Stadt für Stadt einnehmen, sie werden die Banken zerstören, die Fabriken, die Büros, die Verlagshäuser, und ich, Eduard Limonow, werde an der Spitze der Kolonne marschieren, und alle werden mich erkennen und mich lieben.” Eduard Limonow – Tagebuch eines Versagers

***

Ein Leben für ein Buch

Als Eduard Limonow 1992 damit beginnt, seine Partei aufzubauen, ist er fast 50 Jahre alt und ein international berühmer Schriftsteller, der 15 Jahre im Exil gelebt hat. Es ist nicht leicht, einen kurzen Überblick über das Leben zu geben, das er bis dahin geführt hat; es war so außergewöhnlich und abwechslungsreich, dass man geneigt ist, zu dem Wort “romanhaft” zu greifen. Und bedenkt man, dass sein umfangreiches Werk fast komplett aus autobiographischen Romanen besteht, drängt sich der Verdacht auf, er habe sein Leben vor allem geführt, um darüber Bücher zu schreiben.

In einem gewissen Sinne stimmt das auch. Die biographischen Fakten alleine können nur ein sehr unvollständiges Bild liefern, denn die wirkliche Bedeutung seines Lebens findet sich in seinen Büchern, die wiederum nur ausdrücken, was seinem realem Leben Form und Richtung gab: eine Weltsicht – und ein Vorhaben. Sein französischer Biograph teilt mit Limonow selbst die Ansicht, dass er sein Leben lang jener Vorstellung treu geblieben sei, die er sich schon als Kind von seinem Leben gemacht hatte. Dieser Vision folge er, bis zum bitteren Ende: er wollte ein außergewöhnlicher Mensch sein – ein Held.

Alles fängt klein und trostlos an. Geboren wird Limonow während des zweiten Weltkriegs als Sohn eines kleinen NKDW Offiziers, also des sowjetischen Innenministeriums. Er ist Russe, wächst aber in Sartow, einem Vorort der ukrainischen Stadt Charkow auf, einem heruntergekommenen Arbeiterviertel.

Ich war überrascht, als ich zum ersten Mal Limonows Bücher über seine Kindheit und Jugend las; die Sowjetunion in meinem Kopf war bis dahin ein grauer, eintöniger Ort gewesen – totalitär eben –, wo jedes Leben bis ins kleinste Detail vom politischen System bestimmt wird. In Limonows Büchern aber ist das Leben, dass die Menschen führen, nicht besonders anders als im Rest der Welt: normal und privat.

Eher noch ist sein Charkow ein besonders wilder, fast gesetzloser Ort. Sein Viertel war bevölkert von Gangstern und Hooligans, die sich, bevor sie entweder in einer der Fabriken oder im Arbeitslager endeten, mit Gewalt, Verbrechen und Alkohol die Zeit vertrieben. Limonow war schon als Kind klein und bebrillt, ein sensibler Junge der gerne zuhause bleibt und liest. Eines Tages, er war neun, wurde er auf dem Weg nach Hause zusammengeschlagen. Seine Mutter weigerte sich ihn zu trösten; es sei seine Aufgabe, sich zu verteidigen, und sowieso sei so etwas nötig, um einen Mann aus ihm zu machen.

In diesem Moment zeigte sich vielleicht zum ersten Mal Limonows besonderes Wesen. Er verbrachte einige Tage im Bett, verletzt und geschockt, doch als er schließlich aufstand, hatte er einen Entschluss gefasst. Seine Mutter hatte recht. Und so etwas sollte ihm nie wieder passieren. Über die nächsten Jahre verwandelte er sich, angetrieben von einem eisernen Willen, in einen der Hooligans, die ihn zusammengeschlagen hatten. Er gab den Kleinjungentraum auf, wie sein Vater zum Militär zu gehen, und beschloss Verbrecher zu werden.

Seine Jugend verbrachte er unter den Kleinkriminellen seines Viertels als einer von ihnen. Er brach ein, stahl und – dichtete. Das Klischee will es, dass Dichter in der Sowjetunion ungefähr den selben Status wie Rockstars im Westen hatten, und tatsächlich scheint da etwas dran zu sein. Die Überlieferung zumindest will es, dass, als er seinen Freunden, den ungebildeten Fabrikarbeitern und Kriminellen, seine ersten Gedichte vortrug, sie zu bemängeln hatten, er bediene sich allzusehr bei Alexander Blok.

In seinem Buch “Selbstbildnis des Banditen als junger Mann” werden diese frühen Jahre beschrieben: es gibt Verbrechen, Alkoholmissbrauch, Diebe-im-Gesetz, Gefängnisaufenthalte, gewonnene Dichterwettbewerbe, eine untreue Freundin, die dem Saltwoschen Ehrenkodex entsprechend umgebracht werden muss (er tut es natürlich nicht), Selbstmordversuche und die ernüchternde Bekanntschaft mit echten Verbrechern, die vergewaltigen und töten. Es ist ein ziemlich gutes Buch. Die Persönlichkeit, der man in Limonows Büchern begegnet, ist ehrlich und humorvoll, und sie kann ohne Selbstmitleid und ohne Angeberei von sich selbst erzählen.

Viel lieber aber spricht er von den Menschen um sich herum. Jedes Exemplar scheint ihm interessant und besonders, sein Blick auf all die kaputten Existenzen ist einfühlsam, fast zärtlich. Trotzdem waren schon in diesem Alter die Grundzüge des Limonowschen Weltbildes gefestigt: Das Gespür für das einzig mögliche, das heroische und große Leben, und die unverhohlene Verachtung für alle, die sich mit Weniger zufrieden geben.

Ein Psychater und ein Buchladen als Lebensretter

Durch sein Dichten und die Kontakte zur “Gegenkultur” der fernen Innenstadt Charkows war Limonow schon immer etwas Besonderes in Sartow gewesen. Als er es geschafft hatte, sich in einen Hooligan zu verwandeln, steckte er sich das nächste Ziel: ein berühmter Dichter zu werden. Doch das Leben in Sartow schritt stumpf voran und drohte ihn zu zermahlen. Einige Freunde starben, andere mordeten und gingen für den Rest ihres Lebens ins Arbeitslager. Die meisten gingen in die Fabriken, auch Limonow. Alles war zuende. Verbrecher war er nicht geworden und Dichter zu werden, schien immer mehr wie ein hoffnungsloses Hirngespinst. Und so setzte er sich ein weiteres Mal in der Wohnung seiner Eltern an den Küchentisch und schlitzte sich die Pulsadern auf.

Eine sowjetische Psychatrie in den 1950ern ist ein schrecklicher Ort. Nach einem Fluchtversuch wurde Limonow mit feuchten Tüchern an ein Bett gefesselt, das er sich mit einem Wahnsinnigen teilte, der sich den ganzen Tag lang einen runterholte. Ihm wurde täglich Insulin verabreicht, das seinen Geist und Willen lähmte und ihn langsam in ein quasi-Koma sinken ließ. Zwei Monate dämmerte er so vor sich hin, bis er auf einen Psychater traf, der erkannte, dass er nicht verrückt war. Er verschaffte ihm einen Job in einem Buchladen in der Innenstadt und rettete sein Leben.

Dieser Buchladen war so etwas wie das Zentrum der literarischen Szene Charkows. Jeden Abend trafen sich dort Künstler, Dichter und Dissidenten, diskutierten die neueste Samisdat-Literatur und lasen ihre Werke vor. Limonow schaffte es, sich Zugang zu dieser Gesellschaft zu verschaffen, wurde als Dichter anerkannt, und wurde der Mann der Geschäftsführerin des Ladens, der manisch-deppressiven Jüdin Anna.

Ich möchte diese Phase seines Lebens nicht weiter nacherzählen, sondern lieber das Vorwort des englischen Übersetzers jenes Buches zitieren, dass Limonow selbst über diese Zeit geschrieben hat, Der kleine Dreckskerl. Dieser Übersetzer ist John Dolan, selbst Dichter und Schriftsteller. Seine Darstellung von Limonows Werk ist in vieler Hinsicht durchdrungen von seiner eigenen persönlichen poetischen Ideologie, doch gerade dadurch, denke ich, hat er einen Blick für das, was genau sich bei Limonow abspielt:

“There is no writer working in any of the world’s major literary languages who brings to memoir-writing the same stark celebration of the literary ego, the self-made literary self, which Limonov gives it. The real hero of this story is the literary ego itself, which Limonov calls ‘my iron will’ (and often interrupts his narrative to praise). Eduard is fascinated by the cast of characters he encounters in the many worlds he enters in his pilgrim’s progress to fame and immortality–but he knows that they are only peripheral figures who must always be considered as tools to be used in his own crusade to take Moscow by storm.

But while maintaining his distance from everyone around him (even his wonderful girlfriend/victim/nanny, “the poor Jewish woman” Anna Moiseyevna Rubinshtein), Eduard manages to observe with a naturalist’s amoral delight one of the most extraordinary casts in twentieth-century literature. From the cold castle of the literary ego, Limonov observes with the eye of a bird of prey the people around him: painters, thugs, booksellers, lunatics, doctors, cops, thieves, their little “Mafias”–giving to each Mafia the same stark, direct description, whether he is describing the dominant gang of the “Violent Ward” of a Kharkov mental institution (one of his most delightful episodes, described in this part of the novel!) or the posturing and sly negotiations involved in a literary evening. It is this joy in the effulgent fauna of his previously-unnoticed world which makes me believe that Limonov would be one of the very few late-twentieth-century writers whom Nietzsche himself would have loved. I can think of no higher praise.

His first move is joining a group of Kharkov bohemian artists, drinkers and freelance Nihilists.

“Nihilists” has a nasty sound in our tame language, so let me make my own allegiances clear here: Go Nihilism! I heart my doghead! And my doghead is the Nihil itself, amen! Limonov is one of the few to show us its joys, and for this alone I owe him the effort of translation! Fuck the crypto-Christians who rule our fin-de-siecle and try to pretend that Victoria’s not dead! Victoria the Famine Queen is as dead as a Di-do, her “ethics” interred with her–and a good thing too!

–Ahem! As the translator was saying before he momentarily lost volume control…here’s the story of “The Young Scoundrel” so far: After trying on various identities, including a miscarried attempt to join a gang of con-men who pioneered credit fraud in the USSR, Eduard joins a group of Nihilist artists who call themselves the SS–relishing the notoriety of the name, and united by a contempt for the Soviet People, those “hegemonic elements” who are more rudely called “this herd of goats” by the shamelessly elitist members of the SS.

All share a basic belief: Anything but this, anywhere but here. They live as dangerously as they talk (unlike all the American nihilists I know), whether it means riding the camels at the Kharkov Zoo or opening their veins with straight-razors (the little incident which gets Eduard admitted to the “distinguished Kharkov institution,” the Saburka Lunatic Asylum.

They fight. They scream. They betray and are betrayed. They shake their fists at the “virtue” of the herd of goats, and inevitably, they are beaten, they are punished. They sink from sight–and Eduard alone is left to tell thee that there was almost–almost!–an Age of Heroes in this tired, dying century; that those whom the dying Nietzsche tried so hard to believe were coming after him almost made it over the wall, after all. ”

*

Ressentiment und pures Ego

Immer wieder ist in Limonows Leben dieser Vorgang zu beobachten: Er trifft auf eine Person, die er bewundert und gleichzeitig beneidet. Sie steht über ihm, sie bewegt sich erfolgreich und souverän in einer Welt, zu der er keinen Zugang hat. Angetrieben von Ressentiment und purem Ego, beginnt Limonow sich zu verwandeln, wird zu der Person, die er sein will und verschafft sich Zugang zu der Welt, die eben noch fern und abschreckend schien. Und hat plotzlich nur noch Verachtung übrig für jene, die er einst bewunderte. Sie sind bequem, klein und provinziell, zufrieden mit dem was sie haben. Sie sind nicht Eduard Limonow.

John Dolan verehrt diesen Teil von Limonows Persönlichkeit offen, ohne Entschuldigung, aber auch Emanuelle Carrère, der die bisher einzige Biographie Limonows geschrieben hat, und eine völlige andere Sicht auf die Dinge hat als John Dolan, erkennt sie. Er schreibt:

“Kleinkriminelle oder Künstler, niemand von denen, die aus dem Gießer Sawenko [Limonows echter Name] den Dichter Limonow gemacht haben, hat diesem nocht etwas beizubrinen meint er. Limonow betrachtet sie alle als Versager und hat keine Hemmungen mehr, es ihnen auch zu sagen. In einem der Bücher, die er später in Paris über seine Jugend schreibt, berichtet er mit der für ihn typischen Ehrlichkeit von einem Gespräch mit einer Freundin, die ihm freundlich und ein wenig traurig mitteilt, seine Art, die Welt in Versager und Nicht-Versager einzuteilen, sei unreif und vor allem ein Mittel, um ewig unglcklich zu sein. ‘Eddy, bist du nicht fähig, dir vorzustellen, dass ein Leben auch ohne Erfolg und Berühmtheit erfüllt sein kann? Dass das Kriterium für Gelingen zum Beispiel Liebe sein kann, oder ein friedliches harmonisches Familienleben? Nein, Eddy ist nicht dazu fähig, und er rühmt sich, dessen nicht fähig zu sein. Das einzige Leben, das seiner würdig ist, ist ein Heldenleben; er will, dass die ganze Welt ihn bewundert, und meint, Argumente wie das friedliche, harmonische Familienleben, die einfachen Freuden oder das Gärtchen, das man geschützt vor den Blicken der anderen bestellt, seien Selbstrechtfertigungen der Gescheiterten, die Suppe, die Lydia ihrem armen Kadik serviert, um ihn in der Hütte zu halten. ‘Armer Eddy’, seufzt seine Freundin. ‘Selber arm’, denkt Eddy. Und ja, ich Armer, wenn ich werde wie ihr.” (83)

Dieses dynamische Prinzip, der aus dem kindlichen Wunsch, ein Held zu sein, gespeiste Ehrgeiz, treibt Limonow sein Leben lang an, immer weiter: von Charkow nach Moskau, wo er berühmter Dichter wird (beziehungsweise so berühmt, wie ein unpublizierter Dichter in der Sowjetunion sein kann – also ziemlich berühmt); von Moskau ins Exil, nach New York, wo er ernsthaft die Absicht hat, auch im Westen berühmt zu werden; und schließlich von seiner halbwegs komfortablen Existenz in Frankreich als semi-berühmter Schriftsteller zurück nach Russland, um Anführer einer revolutionären Partei zu werden.

Emannuel Carrère hat bei allem Kopfzerbrechen, die ihm einige Aspekte von Limonows Persönlichkeit bereiten, merklich viel Sympathie und sogar Bewunderung für ihn übrig. In einem Interview mit Paris Review gibt er Auskunft darüber, was ihn dazu bewogen hat, ein Buch über ihn zu schreiben:

“I remember the exact moment I decided to go from reporting to writing a book. Limonov had spent three years in a labor camp in the Volga, a kind of model prison, very modern, which is shown to visitors as a shining example of how penitentiaries have improved in Russia. Limonov told me that the sinks were the same ones he had seen in a super-hip hotel in New York, designed by Philippe Starck. He said to me, Nobody in that prison could possibly know that hotel in New York. And none of the hotel’s clients could possibly have any idea what this prison was like. How many people in the world have had such radically different experiences? He was really proud of that, and I don’t blame him. My socioeconomic experience is relatively narrow. I went from an intellectual bourgeois family in the 16th arrondissement to become a bourgeois bohemian in the 10th.”

In seinem Buch erzählt Carrère, wie er das erste mal die Bücher von Limonow las. Er war gerade von einem gescheiterten Abenteuer in Indonesien zurückgekehrt, seine Freundin hatte ihn verlassen, er fühlte sich wertlos und ohne Perspektive. Eine typische Krise eines jungen Mannes also, und die Bücher Limonows machten alles nur noch schlimmer. In seiner damaligen Situation war es Carrère unerträglich, von diesem Mann zu lesen, der sein Leben wie ein Held lebte – also so, wie es sich jeder in diesem Alter erträumt.

Später – Carrère ist selbst erfolgreicher Schriftsteller – bleibt von diesem Gefühl nur eine Bewunderung für Limonows außergewöhnliche Biographie. Doch es gibt viel an Limonow, das der “bourgeois bohemian” schwer verdauen kann. Neben dem späteren Flirt mit dem Faschismus natürlich, gibt es da etwas Grundlegendes, das sein gesamtes Leben und Werk durchzieht: die treibende Kraft in Limonows Leben, die John Dolan “literary ego” nennt. Dahinter verbirgt sich aber nicht nur das, persönlicher Ehrgeiz eben, sondern eine Weltsicht, die mitleidlos und kalt Menschen in Gewinner und Verlierer, Groß und Klein einzuteilen scheint.

Faszinierenderweise greift Carrère in einer Passage, in der er sich mit dieser Problematik auseinandersetzt, auf die selben beiden Pole zurück, die John Dolan schon verwendet, um das Limonowsche Universum zu beschreiben: Das Christentum und eine nietzscheanische Ethik. Für John Dolan sind das naheliegende Begriffe, geradezu fester Bestandteil seiner persönlichen Ideologie, und ich denke es dürfte klar sein auf welcher Seite er steht.

Carrère steht auf der anderen Seite. Für ihn ist es eine Frage, wie sich ein Mensch “mit der offensichtlichen Tatsache abfindet, dass das Leben ungerecht ist und die Menschen verschieden: mehr oder weniger hübsch, mehr oder weniger begabt, mehr oder weniger für den Kampf gewappnet. Nietzsche, Limonow und diese Instanz in uns, die ich den Faschisten nenne, sagen einstimmig: ‘Das ist die Wirklichkeit, so ist eben die Welt’. Was soll man sonst sagen? Was wäre auch das Gegenteil dieser unumstößlichen Tatsache? […] Ich dagegen würde sagen: das Christentum.”

Man möchte Carrère für seine Ehrlichkeit danken, dass er offen eingesteht, was das wirkliche Gegenteil dieses nietzeanischen Nihilismus oder limonowschen Zynismus ist: wenn nicht das Christentum, so doch die säkularisiert fortlebende christliche Ethik. Sie ist für Carrère in einer buddistischen Sutra formuliert, die er für den “Gipfel der Weisheit” hält (und noch mal möchte man ihm auf Knien dafür danken, wie ironiefrei das gesagt ist):

“Der Mensch, der sich einem anderen Menschen gegenüber für überlegen, unterlegen oder selbst für gleichwertig hält, begreift die Wirklichkeit nicht.”

Und es gäbe in der Tat nichts, was Limonows Denken ferner wäre. Limonow also ein zynischer, kalter Nihilist, ein von tiefstem Grunde seines Denkens her faschistischer Prediger der Herrschaft der Starken über die Schwachen? Um Carrère zu paraphrasieren: Ich mag diesen Satz nicht, aber es ist komplizierter als es scheint…

Zum einen ist Limonows ‘literarisches Ego’ etwas ganz anderes als das, was man weltlichen Ehrgeiz nennen könnte. Selbst Carrère muss eingestehen: Limonow ist viel, aber ganz sicher kein Karrierist. Vielmehr ist er abgestoßen von der Vorstellung, ein anerkanntes, mächtiges Mitglied des sowjetischen Kulturestablishments zu werden. Sein Ehrgeiz ist in gewisser Weise reiner, unschuldiger, und zielt nicht auf realen Prestige oder Macht, sondern auf eine kindliche Vorstellung eines ruhmreichen Heldenlebens. Er erfindet sich selbst neu, aber niemals als erfolgreich und anerkannt, sondern als Ideal eines heroischen Dichters.

Auch gehört seine Sympathie als Schrifsteller keineswegs den Starken und Mächtigen, wie es sie in unserer Gesellschaft gibt. Ihnen gilt vielmehr sein ungeteilter, brennender Hass und es sind die Schwachen und Ausgestoßenen, mit denen er sich identifiziert. Doch dahinter steckt keineswegs ein christlicher Impuls…

Fuck off America

Wer noch nie etwas von Limonow gelesen hat, sich aber meine bisherige Beschreibung von ihm antat, wird, so vermute ich, sehr erstaunt sein, wenn er ihn tatsächlich liest, zum Beispiel seinen ersten Roman Fuck off Amerika. Die Stimme dieses Buches ist humorvoll und leicht, selbst wenn aus ihr Hass und grenzenlose Wut spricht. Eduard hatte sich seiner Natur gemäß viel erhofft von seinem Exil. Gemeinsam mit seiner wunderschönen Frau Helena wollte er New York und die Welt erobern, die Realität aber sieht anders aus.

Zusammen mit all den anderen traurigen Flüchtlingen der Sowjetunion, deren Talent niemand braucht und deren Schicksal niemanden interessiert, lebt er in heruntergekommenen Absteigen von Sozialhilfe, wenn er nicht als Kellner reiche Amerikaner bedient. Elena wird ihm fremd und betrügt ihn mit Fotografen und Millionären, in der Hoffnung sie könnten ihr bei ihrer Modellkarierre helfen. Irgendwann verlässt sie ihn, und nachdem Eduard tagelang betrunken durch die Straßen New Yorks rennt, wacht er in einem düsteren, fremden Zimmer auf und ist endlich ganz unten angekommen. Bei der russischen Emigrantenzeitung ist er schon vor Ewigkeiten rausgeflogen, der Traum ein berühmter Dichter zu werden rückt immer ferner: er hat den Nullpunkt erreicht, ist einer der zahllosen Straßenkreaturen New Yorks geworden, unter denen er sich jetzt zuhause fühlt, den Pennern, Nutten und Strichern.

Aber er ist immer noch ein Dichter. Immer noch Eduard Limonow. Er kann nicht akzeptieren, wie die Welt ihn betrogen hat und in ihm brennt der Hass. Auf seinen endlosen Streifzügen durch die Stadt phantasiert er von der Revolution, davon, zu zerstören, was ihm seine Liebe geraubt hat und ihn nicht als den großen Dichter anerkennt, der er ist. Er ist da sehr ehrlich:

“Kurz, ich hatte eine ganz persönliche Beziehung zur Revolution. Ich versteckte mich nicht hinter bombastischen Phrasen, sondern erklärte meinen Glauben an die Weltrevolution mit meinem persönlichen Drama, in das beide Länder, die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten, verwickelt seien und an dem die Zivilisation Schuld trage. Diese Zivilisation lehne es ab, meine Leistung als Dichter anzuerkennen, sie verweigere mir den Platz, der mir von Rechts wegen zusteht, und sie hat meine Liebe zerstört.” (104)

In gewisser Weise ist es dieses gewaltige literarische Ego, das die Welt verdammt, weil sie ihn nicht beachtet, das das Buch und Eduard selbst antreibt. Doch daraus ergibt sich kein um sich selbst kreisender Narzissmus; jeder der unzähligen Menschen in diesem Buch wird aufs genaueste betrachtet, zwar oft mitleidlos und grausam, aber immer mit offensichtlicher Begeisterung für die Eigenheit und Exzentrik eines jeden Exemplars. In einer langen Passage etwa widmet sich Eduard den Immigrantinnen, mit denen er gemeinsam Englischuntericht nimmt. Für ein ganzes Kapitel lässt er sein persönlichen Drama links liegen und erzählt mit zärtlicher Genauigkeit und Detailreichtum von jeder dieser Frauen. Das hat nichts mit seinem Kreuzzug des heroischen Dichters gegen die Welt zu Welt zu tun, aber es ist ihm Wert, davon zu schreiben.

Auch sein anonymer Sex mit schwarzen Männern hat nichts von dem zynischen Hedonismus, den man eigentlich bei diesem literarischen Motiv erwartet. Es ist das Verlangen nach der Liebe, die ihm geraubt worden war, die ihn zu der bewussten Entscheidung treibt, schwul zu werden. Und als er von einem unbekannten Obdachlosen mitten in der Nacht auf einem Spielplatz das erste Mal in den Arsch gefickt wird, ist das ein Moment großer Zärtlichkeit:

“Ich lag neben Chris, in feuchtem, schmutzigen Sand an irgendeinem unbekannten Ort der gewaltigen großen Stadt Babylon, und er streichelte meine Haare. Zwei Kinder, von der Welt aufgegeben, liebten sich seit ein paar Minuten. Seit über zwei Monaten hatte mich niemand mehr angefaßt, und jetzt berührte mich jemand und sagte: ‘Mein Kleiner, mein Kleiner!’ Tränen stiegen in mir auf, immer höher … Ein eigenartiger Moschusgeruch ging von ihm aus, und ich weinte mit dem Gesicht zwischen seinen Schenkeln, an seinen warmen Hoden, seinen Haaren und seinem Schwanz.” (91)

Der Limonow von Fuck Off Amerika ist vor allem Romantiker und zwar in dem Sinne, dass es Dinge für ihn gibt, die er über alles stellt, die ihm heilig sind, und in deren Namen er die gesamte Welt verdammt, die diese Dinge mit Füßen tritt. Das ist zum einem der Dichter – und er selbst als Dichter:

“‘Poesie und Kunst, das sind die beiden erhabensten Dinge, mit denen man sich auf dieser Erde beschäftigen kann. Der Dichter ist das wichtigste Individuum, das es auf der Welt gibt.’ Diese Wahrheiten waren mir von Kindheit an eingeimpft worden. Und nun war ich, obwohl immer noch ein russischer Dichter, das elendste Individuum geworden. Das Leben hatte mir eins in die Fresse geschlagen… ” (48)

Aber da ist noch etwas anderes. Das wirklich Höchste, der Wert der über Allem steht (in diesem Buch zumindest), ist die Liebe zu seiner Frau. Er spricht mit so aufrichtigem Ernst von der Liebe, dass man sich schämen möchte. Nicht weil Eduard es übertreibt, sondern weil man sich in seiner Frau wiedererkennt, die, im Westen angekommen, zu einer selbstbezogenen und einsamen Person wird, die nicht mehr an die Liebe glaubt und für die andere Menschen nur noch als Requesiten ihrer narzisstischen Träumerein existieren:

“Und dann ging mir auf einmal ein Licht auf: Sie weiß eben nicht, was sie mit uns anfangen soll, mit den Georges, den Editschkas, den Jean-Pierress… Uns zum Vögeln benutzen, uns Geld abknöpfen, uns in teure Restaurants locken, das meint sie, sei alles, was man mit uns machen kann. Sie ist harmlos wie ein Kind; sie weiß gar nicht, wozu wir sonst noch nütze sein könnten. Denn kein Mensch hat es ihr je beigebracht. Sie glaubt, uns einen Gefallen zu erweisen, indem sie uns ausnützt. Im übrigen sind wir ihr eher lästig. Wir stören sie in ihren Träumen. Sie träumte, als sie mit mir zusammenlebte, und sie träumte auch jetzt. Mit wem sie zusammenlebt, spielt keine Rolle. Diese Erkenntnis jagte mir einen Schauer über den Rücken.

Das ist es: Sie weiß nicht, was Liebe ist. Sie weiß nicht, daß man jemanden lieben kann, ihn vermissen, ihn retten, ihn aus dem Gefängnis holen oder von einer Krankheit heilen, seine Haare streicheln, ihm ein Tuch um den Hals binden oder ihm, wie in der Bibel, die Füße waschen und sie mit den Haaren trocknen kann. Niemand hat ihr je etwas über dieses Geschenk Gottes, die Liebe, gesagt. Die Bücher, die sie las, haben ihr nichts davon verraten. Nur der animalische Trieb ist ihr geläufig, und sie glaubt, es gebe gar nichts anderes. Deshalb war so viel Angst in all dem, was sie in ihre Hefte schrieb, deshalb sah und sieht sie die Welt in einem so düsteren Licht. Aber sie ist noch jung. Vielleicht wird sie eines Tages das Glück haben, jemanden lieben zu können. Ich beneide den Menschen, dem dann die erste Liebe dieses unglücklichen Geschöpfs gelten wird. Sie wird ihm viel schenken, weil sie vieles in sich angesammelt haben muß. Oder sollte da nichts sein, nichts, was sie zu verschenken hätte?” (251)

* * *

Limonow und die Nazbols

Der am Anfang meines Essays zitierte Politikwissenschaftler Kagarlitsky hat übrigens auch etwas über Limonow und die Nazbols zu sagen:

“The fashionable writer Eduard (‘Edichka’) Limonov was in his element here. Gathering punks and Cossacks together in a single audience, and juxtaposing leaflets with clear fascist symbolism and copies of Soviet anti-fascist posters from the period of the Seconde World War, he turned his public appearances into spectacular postmodernist performances, political ‘happenings’ at which he could ‘let it all hang out’ after the boredom of Paris.” (128)

Ich würde ihm gerne widersprechen, aber ich muss mir eingestehen, dass ich das nicht wirklich kann. Kagarlitsky hat sich von Anfang an in der Partei der Sozialisten für ein gerechtes und demokratisches Russland engagiert. Er hat einen klaren, klugen Blick auf die gesellschaftliche Realität und sein Engagement ist bewundernswert, gerade weil es so realistisch und illusionlos und dabei doch hoffnungsvoll ist.

Und was er über Limonow sagt – stimmt es etwa nicht? Niemandem ist mit großspurigen politischen Happenings geholfen; es ist einem Erwachsenen nicht würdig, sich so seinen adoleszenten Leidenschaften hinzugeben, gerade wenn es um sein Land so ernst steht. Denn das kann bei der wirklich wichtigen Aufgabe nur stören: die russische Bevölkerung aus ihrer zynischen Apathie zu reißen und einen Neubeginn zu wagen, mit einer vernünftigen, sozial gerechten Politk. Russland ist vielleicht ein sehr extremer Ort, an dem solche Wahrheiten auf den Kopf gestellt werden, doch hier, in Deutschland? Hier ist das, was ich gerade geschrieben habe, die Wahrheit, denke ich.

Aber es gibt eine andere Wahrheit. Sie ist mir fern, doch scheint sie mir klar und eindeutig. Es gibt Formen des Protests, die ehrbar und vernünftig sind – und doch klein und häßlich, deren Großmut und Kühnheit nur gespielt oder zumindest nicht wirklich echt sind. Und es gibt solche, die nicht vernünftig, aber mehr wert sind. Es gibt große und es gibt kleine Leben. Limonow beschreibt das so:

“Es gibt in meinem Leben doch etwas Gutes: Beständigkeit. Ich habe festgestellt, daß ich die Legenden meiner Kindheit nie Lügen gestraft habe. Alle Kinder sind Extremisten. Ich bin ein Extremist geblieben, ich bin nicht erwachsen geworden, ich bin immer noch ein Heranwachsender, ich habe mich nicht verkauft, ich habe meine Seele nicht verpfändet, und deshalb – nebenbei gesagt – muß ich so schwer büßen. Dieser Gedanke tröstet mich: Ich habe die Prinzessin, der ich eines Tages zu begegnen hoffte, nie verraten.” (228)

Sankya, Prilepins Roman über die Nazbols, handelt von aussichtslosen, verzweifelten Leben, die sich in einer trostlosen, kalten Welt abspielen, und nur in Tod, Gefängnis oder perspektivloser Armut enden können. Und doch bin ich fest davon überzeugt, dass Prilepin es für kein trauriges Buch halten würde. Das aber liegt im Auge des Betrachters.

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