Dezember 2015

Zwei Rapper verarbeiten in Songs, dass die CIA in den 80er Jahren mit Militärflugzeugen billiges Kokain ins Land brachte, das dann die Ghettos erreichte. Spinnerei? Nicht ganz.

In einem vorherigen Beitrag habe ich “gegen das Verschwörungsdenken” argumentiert. Dabei ging es mir vor allem um eine allgemeine Haltung des politischen Denkens und weniger um Verschwörungstheorien selbst. Wie dem auch sei: das Problem an der Forderung, die Fantasien von geheimen Plänen sein zu lassen und stattdessen Strukturen und Ideologien in den Blick zu nehmen, ist, dass es zynische, mächtige Eliten wirklich gibt – und sie es sogar gelegentlich schaffen, echte Verschwörungen auf die Beine zu stellen.

Vor allem gilt das für den Bereich der Politik, der im weitesten Sinne zur “Kriegsführung” gehört: dem zwielichtigen Reich der Geopolitik, wo westliche Eliten die Vorsicht fahren lassen können, die ihnen zuhause aufgezwungen wird. Manchmal ist etwas dran an der alten Hippie-Maxime: just because you’re paranoid doesn’t mean they’re not after you.

Man nehme zum Beispiel die Mutter aller Verschwörungstheorien im Hip-Hop, der zufolge die CIA an der Crack-Explosion in den frühen 80ern beteiligt gewesen war. Auf „Blue Magic“ rapt Jay-Z zum Beispiel:

Blame Reagan for making me into a monster
Blame Oliver North and Iran-Contra
I ran contraband that they sponsored
Before this rhymin stuff we was in concert

Und Killer Mike hat folgende zwei Lines in seinem Disstrack gegen „Ronald Reagan“:

Just as Oliver North introduced us to cocain

In the 80’s when the brick came on military planes

Colonel Oliver North war zu jener Zeit ein hohes Tier im National Security Council der Reagan Regierung. Killer Mike und Jay-Z meinen also, dass die Regierung daran beteiligt war, in Militärflugzeugen das billige Kokain ins Land zu bringen, das damals zum ersten Mal massenhaft die armen, schwarzen Ghettos erreichte. Spinnerei, richtig? Nun, nicht ganz…

In dem dieses Jahr erschienenen Film „Kill the Messenger“ wird die Geschichte von Gary Webb erzählt, dem Reporter der 1996 unter dem Titel „Dark Alliance“ in einer Reihe von Artikeln zuerst eine direkte Verbindung zwischen CIA und Crack-Handel gezogen hat. Der erste Artikel, Crack Plague’s Roots Are In Nicaraguan War, war bebildert mit dem Logo der CIA, geziert mit einer Crack-Pfeiffe.

Als Kokain “demokratisiert” wurde

Webbs Geschichte basierte zum Teil auf ausgiebigen Interviews mit dem legendären „Freeway“ Rick Ross, von dem ein gewisser Rapper seinen Namen geklaut hat. Der echte Rick Ross war einer der größten Kokain-Dealer in der Geschichte der USA, der in den frühen 80ern in South Central Los Angeles operierte, dem Epizentrum der Crack-Epedemie. Seine Karriere im Drogenhandel begann, nachdem er sein Collegestipendium als Tennisspieler verloren hatte, als entdeckt wurde, dass er Analphabet war.

Zuerst bezog er sein Koks von einem seiner Lehrer, doch als das Geschäft wuchs, konnte der bald nicht mehr genug Ware heranschaffen. Durch einen Freund traf Ross zwei Exil-Nicaraguaner, Oscar Danilo Blandon und Norwin Meneses, die ihm fast unbegrenzte Mengen besorgen konnten, zu einem Kilo-Preis der 10.000 Dollar unter dem gängigen Straßenpreis lag. Diese Verbindung entschied Rick Ross’ Schicksal und würde ihm den Aufbau seines Imperiums ermöglichen. Wie er selbst später sagte:

”I’m not saying I wouldn’t have been a dope dealer without Danilo. But I wouldn’t have been Freeway Rick.”

Er begann sowohl die Crips wie die Bloods zu versorgen und verkaufte 1982 nach eigenen Angaben jeden Tag Koks im Wert von 3 Millionen Dollar. In jener Zeit war Kokain „demokratisiert“ worden. Was vorher eine teure Droge der Oberschicht war, wurde durch fallende Preise, aber vor allem durch die Innovation „Crack“, auch für die ärmsten der Armen bezahlbar. Auf dieser Welle ritt Rick Ross. Bald hatte er tausende Mitarbeiter und operierte in 42 Städten im ganzen Land.

Als er fast zehn Jahre später schließlich gefasst und verurteilt wurde, schätzte die Bundesstaatsanwaltschaft, dass er im Laufe der 80er mehrere Tonnen Kokain verkauft hatte, mit einem (inflationsbereinigten) Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar und einem Profit von 850 Millionen. Die LA Times schrieb 1996, “if there was one outlaw capitalist most responsible for flooding Los Angeles’ streets with mass-marketed cocaine, his name was ‘Freeway’ Rick.”

Was aber hat das alles mit der CIA zu tun? Hier kommt die Nicaragua Verbindung ins Spiel. Blandon und Meneses waren beide Sprösslinge der hiesigen Elite, die sich nach dem Sturz der Diktatur 1979 in einem blutigen Guerilla-Krieg gegen die neue linke Regierung befanden. Dieser Krieg wurde von den sogenannten „Contras“ geführt, einer Allianz aus Ex-Militärs und Deathsquads, die vom CIA organisiert, geleitet und finanziert wurde – meist völlig offen aus dem offiziellen Budget der Bundesregierung. Meneses und Blandon hatten direkte Verbindungen zu den Contras und waren vor allem daran beteiligt, für sie Geld in den USA zu sammeln. Webb’s Artikel schien nun zu beweisen, dass ein Großteil dieses Geldes aus ihrem Drogengeschäft stammte. Das legte natürlich den Schluss nahe, dass die CIA davon wusste.

Drogengeld als “perfekte Lösung”

Dieser Teil der Geschichte ist heute kaum kontrovers und war es eigentlich auch damals nicht. Schon 1986 hatte John Kerry eine offizielle Untersuchung des Senats geleitet, die zu dem Schluss kam, dass “senior U.S. policy makers were not immune to the idea that drug money was a perfect solution to the Contras’ funding problems.” In der ultra-vorsichtigen Sprache der weichgespülten liberalen Elite, wie Kerry sie verkörpert, ist ein härteres Schuldeingeständnis kaum vorstellbar.

Der Bericht der Kerry-Kommision hatte auch damals schon entscheidende Hinweise darauf geliefert, dass das CIA nicht nur von den Drogengeschäften der Contras wusste, sondern sie möglicherweise sogar aktiv vor der amerikanischen Polizei schütze. Er erwähnt zum Beispiel den sogenannten „frogman raid“, die damals größte Drogenrazzia in der Geschichte Kaliforniens, in dem Mitglieder des Meneses Drogenrings im Hafen von San Francisco verhaftet wurden, als sie mit Taucherausrüstung Kokain an Land bringen wollten.

Der Kerry-Kommision zufolge hatte das CIA damals darauf bestanden, dass das Geld, das bei der Razzia beschlagnahmt worden war, an die Meneses Organisation zurückgegeben werde – “to protect an operational equity, i.e., a Contra support group in which it [CIA] had an operational interest”, wie der CIA Inspector General zu Protokoll gab. Dass das CIA in den USA den Drogenhandel ihrer Verbündeten direkt schützte, ist allerdings nicht bewiesen. Rick Ross selbst behauptete allerdings, dass Blandon ihn jedesmal warnen konnte, wenn die Polizei eine Razzia plante.

Aus den inzwischen freigegebenen persönlichen Dokumenten Oliver Norths geht ohne Zweifel hervor, dass er nicht nur wusste, dass die Contras in den Drogenhandel verwickelt waren, sondern auch, dass Piloten, die direkt von der CIA bezahlt wurden um Waffen und Geld aus den USA nach Zentralamerika zu bringen, auf dem Rückflug Kokain transportierten – mit Flugzeugen und von Flughäfen aus, die vom CIA kontrolliert wurden (nicht direkt „military planes“, aber nah genug dran). Mehr als einmal hat North geplante Razzien der DEA gestoppt, mit dem Argument, das Ziel sei ein „CIA asset.“

oliver north

Wie der offizielle Bericht, den die CIA schließlich als Reaktion auf Webbs Artikel veröffentlichte, deutlich machte, handelte North dabei nicht gegen offizielle Richtlinien und machte sich nicht einmal strafbar. Der Attorney General der Reagan Regierung hatte eine geheime formale Absprache mit der CIA getroffen, der zufolge Agenten nicht verpflichtet waren, Hinweise auf Beteiligung ihrer Kollaborateure am Drogenhandel an amerikanische Behörden weiterzuleiten.

Rückratlosigkeit der etablierten Medien

Obwohl also schon einiges bekannt gewesen war, waren Gary Webbs Artikel eine Sensation, da sie zum ersten Mal eine konkrete Verbindung zwischen CIA und dem Drogenhandel nachweisen konnten. Schnell aber wendete sich das Blatt. Nachdem ihm zuerst der prestigeträchtige Bay Area Journalist of the Year Award verliehen wurde, begannen alle größeren amerikanischen Zeitungen, ihre gewaltigen Ressourcen aufzuwenden um seine Geschichte zu diskreditieren. Einige gewagte Formulierungen und kleine Fehleinschätzungen in Webbs Artikel wurden genutzt, um den Konsens aufzubauen, an seiner Geschichte sei nichts dran gewesen.

Vor allem aber wurde Webb wegen einer Behauptung angegriffen, die er selbst nie aufgestellt hatte: dass die CIA direkt am Drogenhandel beteiligt gewesen war. Weiter wurde ihm vorgeworfen, dass er keine Quellen in der CIA selbst gefunden hatte, während alle Artikel, die ihn kritisierten, offizielle CIA Stellen zitieren konnten, die seine Geschichte dementieren. Anstatt seine Geschichte weiter zu verfolgen, wurde viel Energie aufgewendet, um sie aus dem Bereich respektabler Meinungen zu verbannen, bis irgendwann die Mercury-News selbst einknickte und die Geschichte offiziell zurückzog.

Der Pulitzerpreisträger Webb wurde an einen Kleinstadtposten verbannt und konnte nie wieder einen richtigen Job im Journalismus finden. Jahre später, als er völlig pleite den Kredit seines Hauses nicht mehr bezahlen konnte, beging er Selbstmord.

Ein vor kurzem freigegebener interner Bericht der CIA mit dem Titel “Managing a Nightmare: CIA Public Affairs and the Drug Conspiracy Story,” legt offen, wie panisch die CIA ursprünglich auf Webbs Artikel reagiert hatte und wie überrascht sie selbst von dem Erfolg ihrer anschließenden PR-Kampagne gewesen ist. Ihr wichtigster Verbündeter dabei war die völlige Rückratlosigkeit der etablierten Medien. Als die CIA zum Beispiel nach eineinhalb Jahren ihre offizielle Untersuchung veröffentlichte, ging zuerst eine Pressemitteilung heraus, der zufolge der Bericht keine von Webbs Anschuldigungen bestätigte. Die großen Zeitungen druckten diese Nachricht, ohne den Bericht gelesen zu haben. Als er schließlich erschien, gab er Webb im Grunde Recht, war der Presse aber kaum weitere Berichterstattung mehr wert.

Während die Geschichte also aus dem medialen Mainstream verschwand, fand sie gewaltige Resonanz unter Afro-Amerikanern. Vor allem in den damals neu entstandenen schwarzen Radio-Sendungen wurde sie endlos diskutiert. Der Black Caucaus der schwarzen Kongressabgeordneten forderte lautstark offizielle Untersuchungen. Für viele war mit Webbs Artikeln endlich bewiesen, was sie schon immer geahnt hatten: die Regierung steckte auf irgendeine Art hinter der Crack-Epidemie.

Nichts neues seit der “French Connection”

Und warum sollten Schwarze nicht an solche Geschichten glauben? Sie erinnerten sich vielleicht an die lange und schmutzige – ganz zu schweigen von: geheime und illegale – Repressionskampagne Cointelpro, in der seit den 60ern die schwarze politische Aktivität von Martin Luther King bis zu den Black Panthers vom FBI überwacht und bekämpft worden war.

Auch war die Verbindung von amerikanischen Geheimdiensten und internationalem Drogenhandel nichts neues. Die italienische Mafia war während des zweiten Weltkriegs vom OSS (dem Vorläufer der CIA) genutzt worden, um den Faschismus und nach dem Krieg den Kommunismus in Italien zu bekämpfen. Auch die korsische Mafia war vom CIA in ihrem Kampf um die Kontrolle des Hafens von Marseilles gegen Kommunisten und sozialistische Gewerkschaften unterstützt worden.

In den 1950ern schlossen sich die korsische und italienische Mafia unter der Führung Lucky Lucianos zusammen und schufen die berühmte „French Connection“ in Marseilles, die zum größten Teil für den folgenden Heroin-Boom in Europa und den USA verantwortlich war. Ein Bericht des Department of Justice stellte 1976 fest, dass das CIA wiederholt verhindert hatte, dass daran beteiligte Drogenhändler verurteilt worden sind – aus Gründen der „nationalen Sicherheit“. Auch während des Vietnam-Krieges verwendeten Verbündete der USA in Laos Flugzeuge der CIA um Heroin zu transportieren.

Trotz allem ist jene Version der Geschichte, der zufolge die Beteiligung der CIA am Drogenhandel von der Absicht geleitet war, die Crack-Krise in den Ghettos auszulösen, nichts als eine Verschwörungstheorie. Zudem ist davon auszugehen, dass es auch ohne eine Beteiligung der Contras zu einem Kokain-Boom in den 80ern gekommen wäre. Am Ende des Tages ist der Drogenhandel ein Geschäft und das Geschäft findet immer seinen Weg.

Daran, dass die Geschichte so gewaltige Emotionen unter Afro-Amerikanern auslöste, die bereit waren, der Regierung alles zuzutrauen, zeigt sich aber, dass der Glaube an Verschwörungen oft auf eine fast metaphorische Art wirkliche Sachverhalte beschreibt. Denn wenn man diese Verschwörungstheorie abstrakt umschreibt, kommt dabei etwa folgendes heraus: „Die Regierung kümmert sich nicht um die immer schlimmere Situation in den Ghettos, einflussreiche Kreise sind aktiv daran beteiligt, sie noch zu verschlimmern – und es interessiert niemanden.“ Und da stimmt jedes Wort.

Der (Klassen)Krieg gegen die Drogen

Die frühen 80er waren der Beginn der Crack-Explosion und damit der Anfang des Krieges gegen die Drogen, der von Anfang an vor allem auf arme Schwarze zielte. Es wurden drakonische Mindeststrafen für Drogenbesitz eingeführt, die vor allem Kleindealer und Konsumenten für Jahrzehnte ins Gefängnis brachten. Erhellend sind die Unterschiede zwischen den Mindeststrafen für den Besitz von Crack, das vor allem von armen Schwarzen konsumiert wird, und „normalem“ Kokain, das sich nur Reiche leisten können: der Besitz von 1 Gramm Crack wurde (bis 2010) genauso hart bestraft wie der Besitz von 100 Gramm Kokain. (Crack ist behandeltes Kokain; 1 Gramm Crack enthält also weniger als 1 Gramm Kokain, sowie harmlose Nebenprodukte wie Backpulver.)

Die obszönen Ausmaße der heutigen Gefängnispopulation in den USA hat in diesen Jahren ihren Ursprung. Die Anzahl der wegen Drogendelikten inhaftierten stieg von 40.900 im Jahr 1980 auf 489.000 im Jahr 2013. Vor allem Schwarze waren betroffen. Eine Untersuchung des US Census Bureau aus dem Jahr 2010 stellte fest, dass Afro-Amerikaner, die nur 13,6% der Gesambevölkerung ausmachen, unter den über 2 Millionen amerikanischen Gefängnisinsassen mit 39,4% vertreten sind. Während nur 0,38% aller Weißen im Gefängnis sind, liegt dieser Anteil bei Schwarzen bei 2,2%, also fast sechs mal so hoch.

Los Angeles war ebenfalls Vorreiter in der Praxis der „tough-on-crime“ Politik, die bald überall im Land praktiziert wurde. Mit ihr einher ging eine beispiellose Militarisierung und Aufrüstung der Polizei und eine intensive Dauerüberwachung von armen Wohngegenden. Das alles führte 1991 zu den Rodney-King-Riots, – den größten Rassenunruhen in der Geschichte des Landes -, und ist der Hintergrund zu der Debatte über Polizeibrutalität, die zurzeit in den USA stattfindet.

Neoliberalismus als Nährboden

Der Nährboden dieses ganzen Elends war die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung, die sich durch die Reagan-Revolution beschleunigte und die die Armen besonders traf. Im Zuge der neoliberalen Wende gingen amerikanische Arbeitgeber in die Offensive. 1981 griff Reagan mit großer Signalwirkung bei einem Streik der Fluglotsen durch, feuerte alle streikenden Arbeitnehmer und schuf damit ein neues Paradigma im Umgang mit Gewerkschaften.

Das beschränkte sich nicht auf die Republikaner. Die demokratische Partei war den Republikanern seit den 1980er-Jahren nach rechts gefolgt. 1996, als Gary Webb´s Artikel erschienen, war auch das Jahr, in dem die Clinton-Regierung mit dem Personal Responsibility and Work Opportunity Act ihre Absicht umsetzte „to end welfare as we know it.“ Es war ein letzter entscheidender Schritt im neoliberalen Umbau der USA. Damit hatte sich auch in der demokratischen Partei endgültig die Ansicht durchgesetzt, alle Probleme der Armen sein vor allem ihren eigenen „Pathologien“ geschuldet. Der konservative Konsens, der den Ghettos nichts als Härte und Moralpredigten zu bieten hatte, regierte in den 90ern fast unangefochten.

Parallel beschleunigte sich die Tendenz der Deindustrialisierung der traditionellen Zentren der Industrie im Nordosten und Mittleren Westen. Die Produktion wurde nicht nur ins Ausland verlagert, sondern – vielleicht entscheidender – auch in den Südwesten und Süden der USA. Dort hatte sich eine tiefe Gewerkschaftsfeindlichkeit erhalten, die Macht der Arbeitgeber war kaum von dem progressiven Zwischenspiel seit den 30ern tangiert worden (Beispielhaft zu sehen war das am Fall des VW-Werks in Chattanooga, TN, wo 2014 trotz der offiziell sehr gewerkschafsfreundlichen Unternehmenskultur von VW der Versuch, eine Gewerkschaft zu gründen, spektakulär scheiterte).

Zusammen mit dem schrittweise vollzogenen Rückbau des New-Deal Sozialstaates, trat bald der erwünschte Effekt von sinkenden Löhnen und härteren Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor ein. Die resultierende soziale Polarisierung wurde durch das Phänomen des “white flight” verschärft. Nach der erzwungenen Integration der Schulen und Wohnbezirke ließ die weiße Mehrheit die Innenstädte hinter sich und zog fern von den bedrohlichen Minderheiten in die sicheren Suburbs. Dies ist der Hintergrund der sich stetig verschlimmernden Zustände in den von schwarzen bewohnten Innenstädten, die zu der Crack-Explosion beitrugen.

Die Schwarzen zählen nicht

Schließlich drückt sich in dem Misstrauen der Schwarzen gegen ihre eigene Regierung die bittere Anerkennung einer einfachen Tatsache der amerikanischen Politik aus: Sie zählen nicht. Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man nicht einmal konkrete Politik und ihre Wirkung analysieren, oder darauf hinweisen, wie „race-coded“ Rhetorik benutzt wurde um „tough-on-crime“ Politik und den Rückbau des Sozialstaates zu verkaufen. Vielmehr war es essentieller Teil der Wahlkampfstrategie Reagans gewesen, den Wählern deutlich zu machen, dass man sich nicht für die Interessen der Schwarzen einsetzen würde.

Man nennt das „dog-whistle politics“, wenn konservative Politiker subtile (also abstreitbare) Signale an ihre rassistischen Wähler senden. Ronald Reagan veranstaltete zum Beispiel seinen ersten Wahlkampfauftritt 1980 in Neshoba County, Mississipi. Neshoba County war landesweit bekannt, weil dort 16 Jahre zuvor drei Bürgerrechtsaktivisten vom Ku-Klux-Klan ermordet worden waren. Reagan sagte dort unter anderem: „I believe in States Rights“ – Das ist das Äquivalent zu einer augenzwinkernden Versicherung an die Rassisten: „Wir verstehen uns.“

Ohne Zweifel hätte die CIA etwas mehr Skrupel dabei gezeigt, den Kokainhandel gewähren zu lassen, wenn die Opfer der Crack-Epidemie nicht in South Central L.A. sondern in den wohlhabenden Vororten von Washington D.C. gelebt hätten. Sie wussten, dass sie nichts zu befürchten hatten.