2014 – Eine kürzere Version dieses Textes erschien Anfang 2016 in neues deutschland

Vor einiger Zeit gab es im Guardian einen Artikel,1 der sich mit dem Phänomen von sogenannten Superyachten auseinandersetzte, also Privatyachten, die so groß und kostspielig sind, dass jemand der nur 100 Millionen Pfund sein eigen nennt, eindeutig zu arm wäre, um sie sich leisten zu können. Im Besonderen ging es um die Ausbildung von Service-Kräften für diese Yachten, nach denen zur Zeit eine große Nachfrage besteht, da die Zahl der „Superyachten“2 stetig steigt. Deshalb hat eine Londoner Agentur für „high-end domestic staff“ spezielle Trainingskurse eingerichtet, die für Professionalität bei Yacht-Bediensteten sorgen soll. Das Geschäft läuft gut: „We’re lucky in the sense that the rich get richer in a recession,“ meint die Gründerin der Agentur. Der Guardian-Artikel ist voll von solchen Prachtstücken, die bestens geeignet wären, den gut alten Klassenhass zu befeuern, falls man das mal wieder nötig haben sollte. Hier ein Favorit von mir: „Recently, she heard of two yacht stewardesses who jumped into a jellyfish-infested patch of sea to create a clear swimming channel for one of the boat’s guests: „’She was really in the mood to go swimming, so they swam alongside her – they wanted to make sure she didn’t get stung. They got stung to bits, and were in a bit of pain the next day. That’s sweet, I think. They got a big tip at the end of the week.’“

Der Kurs, der im Artikel beschrieben wird, kostet 900 Euro und dauert eine Woche. Die Teilnehmer sind arbeitslose, bulgarische Zahnärzte (ziemlich deprimierend) oder (und hier wirds wirklich deprimierend) junge Briten, die einfach davon träumen auf einer Yacht zu arbeiten. Nun ist es selbstverständlich, dass man für Arbeit in bestimmten Branchen eine spezielle Ausbildung braucht und für diese Ausbildung zu bezahlen, um dadurch seine Chancen auf einen Job zu erhöhen, ist oft eine kluge Investition. Aber trifft diese objektive, farblose Beschreibung die Wahrheit, wenn es sich bei den professionellen Fähigkeiten, die erworben werden, unter anderem um folgendes handelt: “Students learn that they must monitor the bathrooms and lavatories, and are given guidance on the correct amount of time they should pause before they can scurry in and tidy up after a guest, refolding the end of the loo paper into a pointed V. ‚Be aware when people have used the rest rooms. You must be their shadow, but not too close,‘ Gilmore explains.’”

Wer schon einmal im Servicebereich gearbeitet hat, kennt diesen Zwiespalt vielleicht. Selbstverständlich kann man Service professionell betreiben, wie jeden anderen Beruf auch. Ab einem bestimmten Punkt aber wird aus professionellem Service die Herstellung eines Komforts, der schlicht das Privileg von denen ist, die unglaublich viel Geld ausgeben können und der so niemals genossen werden kann von denen, die arbeiten, um ihn anderen zu ermöglichen. Der, dessen Aufgabe es ist, nach jeder Benutzung das Toilettenpapier zu falten, kann seine gesamten Ersparnisse wegschmeißen und doch wird er nicht mal in die Nähe eines Lebensstils kommen, der beinhaltet, dass ihm ständig jemand dass Toilettenpapier faltet. Und ab diesem Punkt wird die Vorstellung, Service sei einfach ein Job wie jeder andere, eine Lüge.

Das ideologische Fundament des Liberalismus geht von der Vorstellung aus, jedes Individuum sei ein atomarer Marktteilnehmer, der nach der utilitaristischen Maxime der Nutzenmaximierung Geschäftsbeziehungen eingeht und etwa seine Arbeitskraft verkauft. Dieser Verkauf der Arbeit wird geregelt durch einen anonymen, objektiven Marktmechanismus, so dass die persönliche Beziehung zwischen den Geschäftspartnern bedeutungslos wird. Unter dem eiskalten Druck des Marktes „verdampft alles Stehende und Ständische“, wie es so klassisch heißt; die sozialen Machtbeziehungen zwischen den Menschen, die in vormodernen Wirtschaftsformen die Arbeit und den Dienst geregelt haben, verschwinden. Diese Vorstellung des Wirtschaftslebens ist also insofern „fair“, da sie auf freien Entscheidungen der Individuen basiert, die außerdem ohne ungerechtfertigte Vorteile oder Privilegien auf den Marktplatz treten. Wer dann wen bedient ist Zufall, einzig davon abhängig, wie sich freie Marktteilnehmer entscheiden. „Service“ wird aus diesem Blickwinkel zu einer Arbeit, die wertfrei und gesellschaftlich „bedeutungslos“ ist, anders als etwa der Dienst eines Leibeigenen für seinen Herrn, der eine ‚Bedeutung‘ im Rahmen des gesamtgesellschaftlichen Kontextes hat, weil er nicht durch anonyme ökonomische Mechanismen Zustande kommt, sondern durch die vorökonomische „symbolische“ oder kulturelle Ordnung der Gesellschaft bestimmt ist.

Schon in der Zeit, die man (zumindest in England) dem klassischen Liberalismus zuordnet, war diese Vorstellung, jeder Mensch sei ein abstraktes, gleichbesetztes Individuum, nichts weiter als eine theoretische Fiktion, die nicht mal von den Menschen selbst geglaubt wurde. Formal mögen die Erfordernisse der liberalen Marktwirtschaft erfüllt worden sein, doch niemand, weder Bedienter noch Bediensteter, wäre auf die Idee gekommen es handle sich bei beiden Parteien um „Gleiche“. In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg gehörte es zu dem normalen Leben einer bestimmten Schicht einfach dazu, Bedienstete zu haben und genauso selbstverständlich war es, dass diese grundlegend anders sind als man selbst.

In ihren Memoiren einer Tochter aus gutem Hause beschreibt Simone de Beauvoir, wie sie als junge Frau die unteren Schichten wahrnahm. In dieser Passage wird zum einen deutlich, wie sehr die Bourgeoisie der Zwischenkriegsjahre noch essentialistische Vorstellungen vom Wesen der Klassen hatte, die eine offen hierarchische Gesellschaftsordnung rechtfertige, aber auch wie sehr diese Vorstellungen an den klassischen Bildungsbegriff des Bürgertums gebunden werden konnte. In den Augen der gebildeten Famillie de Beauvoir sind die niederen Schichten minderwertig, weil sie nicht kultiviert sind:

Es fiel mir leicht, seinen Gedankengängen zu folgen, wenn er gegen das allgemeine Stimmrecht die Dummheit und Unwissenheit der Mehrzahl der Wähler ins Feld führte: allein die ‚aufgeklärten‘ Leute hatten Recht auf eine Stimme im Rat. Ich beugte mich dieser Logik, die noch durch eine empirische Wahrheit bekräftigt wurde: Die ‚Aufklärung‘ ist ein Vorrecht der Bourgeoisie. Manche Individuen der unteren Schichten bringen es zwar zu intellektuellen Leistungen, aber sie bewahren doch immer etwas Volksschülerhaftes und bleiben meist halbgebildet. Jeder Mann aus guter Familie hingegen hat ein gewisses etwas, das ihn vom gemeinen Volk unterscheidet. Ich war nicht einmal sehr schockiert, daß das Verdienst mit dem Zufall der Geburt verknüpft sein sollte, da ja schließlich der Wille Gottes über die Chancen eines jeden entschied. Auf alle Fälle schien mir eine Tatsache vollkommen klar zu sein: moralisch gesehen und also absolut stand die Klasse, der ich angehörte, turmhoch über der übrigen Gesellschaft. Wenn ich mit Mama Großpapas Pächter besuchte, so schien mir der Jauchegeruch, der Schmutz der Wohnräume, in dem die Hühner umherliefen, die Derbheit der Möbel ein Ausdruck ihrer plumpen Seelen zu sein; ich sah sie lehmbeschmiert und nach Schweiß und Erde riechend auf den Feldern arbeiten, niemals widmeten sie sich dem Anblick der Harmonie der Landschaft. Von der Schönheit des Sonnenuntergangs wußten sie schlechterdings nichts. Sie lasen keine Bücher, sie hatten keine Ideale. Papa erklärte, übrigens ohne jede Animösität, sie seien eben ‚Kloben‘. Wenn er mir Gobineaus Essai über die Ungleichheit der menschlichen Rassen vorlas, machte ich mir bereitwillig die Idee zu eigen, daß das Hirn dieser Leute anders geartet sei als das unsere.“

Selbstverständlich hat Simone de Beauvior, obwohl es ihrer Famillie finanziell schlecht geht, eine Reihe von Kindermädchen, die bei der Famillie leben und ihrer Mutter die Last der Kindererziehung abnehmen. Dies ist kein Luxus, den man sich leistet, wenn man genug Geld übrig hat, sondern selbstverständliches Privileg. Als Angehöriger dieser Schicht ist man das Bedientwerden durch Minderwertige nicht nur gewöhnt, es ist vielmehr ein normaler Aspekt des Lebens, dessen Abwesenheit man sich nur mit außergewöhnlicher Vorstellungskraft und geistiger Unabhängigkeit vorstellen kann. In den Romanen von Jean Rhys sieht man eine Protagonistin, die am Rande der völligen Verarmung steht und dadurch immer kurz davor ist, auch ihre soziale Identität zu verlieren. Dies sind die Zwischenkriegsjahre, und Jean Rhys (sie ist ja praktisch die Protagonistin) trägt ihren Kampf inmitten der immer noch stabilen, traditionellen englischen Klassengesellschaft aus, in der zwar einerseits jeder für sich alleine steht, aber doch strengem sozialen Druck ausgesetzt ist und der Verlust der „Respektabilität“ den sozialen Tod bedeutet. Das erstaunliche ist nun, dass sie, selbst wenn sie absolut kein Geld und keine Aussicht auf Geld hat, den Lebensstil der respektablen Mittelschicht nicht aufgibt. Sie muss in den schäbigsten Absteigen wohnen, doch immer gibt es jemanden, der ihr Frühstück bringt, ihre Wäsche wäscht. Nicht ein Mal in ihrem gesamten Werk kocht sie ihr eigenes Essen, ihr Leben spielt sich ab in Cafés und Restaurants. Man stelle sich eine vergleichbare junge Frau vor, die sich heute in derselben finanziellen Situation befindet. Sie wäre zwar nicht (wie Rhys) ständig von finanziellem Ruin und damit sozialer (und wirklicher) Vernichtung bedroht, andererseits könnte sie nicht ihre gesamte Zeit damit verbringen, in einem Hotelzimmer auf den Tod zu warten. Wohnung suchen, Arbeit suchen, Hartz-4 beantragen – das ergibt keinen guten Roman. An Jean Rhys Beispiel wird deutlich, wie verbreitet das Privileg des ‚Bedientwerdens‘ war und wie wenig Geld nötig war, um es zu erlangen; aber noch viel mehr sieht man, wie selbstverständlich dieses Privileg für jene war, die in bestimmte Schichten geboren wurden. Nur wer von Beginn an darauf trainiert worden ist, ohne dieses Privileg zu leben, kann auf die Idee kommen darauf zu verzichten, wenn es sein muss.3

Aus dieser doppelten gesellschaftlichen Distanz – für die einen ist es unvorstellbar, zu bedienen, für die anderen ist es unmöglich, bedient zu werden – ergibt sich eine Sicht auf einander, die zwar geprägt ist durch die Herrschaft der einen über die anderen, aber auch Faszination für den Anderen beinhaltet. Ein häufiges Motiv der Literatur jener Zeit etwa basiert auf der Tatsache, dass Kinder ‚guten Hauses‘ oftmals ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit Mädchen aus den niedrigeren Schichten machten, da Mädchen der eigenen Schicht per Definition für vorehelichen Sex nicht zur Verfügung standen. Prostitution, also die anonyme Marktmacht des Geldes, spielt hier häufig eine Rolle, aber noch entscheidender scheint die Attraktion des Klassengefälles. In Robert Musils Roman Die Verwirrungen des gling Törleß etwa gibt es eine Prostituierte, die von den jungen Schülern des Offiziersinternats besucht wird. Zweifellos übt sie ihren Beruf aus, um Geld zu verdienen; das heimlich-offizielle ihrer Tätigkeit gibt ihr aber den Charakter einer sozialen Institution, die, so mag man vermuten, zu jeder solcher Oberschichtsschulen dazugehörte. Und gerade die Tatsache dass sie so völlig anders ist als die Frauen der eigenen Schicht (nämlich dreckig, obszön…) sorgt bei den Schülern für eine besondere Mischung aus Abscheu und Anziehung. Auch an Nabokov kann man hier denken. In Ada4 zum Beispiel hat der Protagonist wie selbstverständlich seinen ersten Sex mit einem Küchenmädchen, die ihm – auch das scheint selbstverständlich – sehr ergeben ist, aber dann ohne viel Aufwand wieder in ihre unpersönliche Rolle als Bedienstete zurücktritt. Die Reize der Magd sind selbstverständlich auch lyrische Erinnerungen Wert (ihre raue Haut, der Geruch vom Kartoffelschälen…), doch sie ist nur eine Episode, bedeutungslos sobald der Held ein „richtiges“ Mädchen trifft, das Objekt echter Liebe sein kann.

Die Klasse der Bediensteten wird wahrgenommen als exotische Wesen, in jeder Hinsicht anders und minderwertig, und lediglich in ihrer Obszönität anziehend. Wenn ihre Vitalität und Ungezwungenheit von der bürgerlichen Boheme beneidet wird, ist das lediglich die Kehrseite der Verachtung. Hierbei handelt es sich um ideologische Vorstellungen, denen eine hierarchische Klassengesellschaft zugrunde liegt und die auch dem Kapitalismus eigentlich fremd sind. Das Paradoxe dieser Zeit ist, dass zum einen das Wirtschaftsleben liberal organisiert ist, d.h. dass keine persönliche gesellschaftliche Macht zwischen Bedientem und Bediensteten mehr besteht, andererseits aber jene vorliberalen Vorstellungen von der Natur der Klassen bestehen geblieben sind, die eigentlich im unpersönlichen Marktgeschehen hätten verschwinden sollen. Dass diese Fiktionen über das Wesen der Menschen, die den unterschiedlichen Klassen zugehören, aufrechterhalten werden können, liegt an sehr realen, grandiosen Klassenunterschieden, die die ökonomische Basis des Bedienstetenverhältnisses darstellen, und die wiederum aus der liberalen Wirtschaftsordnung resultieren. Was ist Ursache, was Wirkung? (Dies nur als Anregung für ein dialektisches Gedankenspiel…)

Und so verschwindet dieser antiquierte Lebensstil des Bedientwerdens, je näher wir den egalitäreren Gesellschaften der Nachkriegszeit kommen, auch auf zwei Fronten: Ökonomisch ist er nur noch für eine kleine Minderheit vertretbar, was vor allem an steigenden Löhnen liegt. Gleichzeitig setzt sich eine egalitäre Kultur durch, die offensive Klassendistinktion unmöglich macht. Es gibt eine Anekdote, ich glaube sie stammt von Joachim Fest, die diese diffuse aber entscheidende Entwicklung deutlich macht. Er erzählt von einer älteren Tante, die den zweiten Weltkrieg im Osten durchgestanden hat und nach Ende des Krieges und Flucht in Westdeutschland aus dem Zug steigt, wo ein hilfreicher Bahnhofsangestellter ihr die Hand reicht und sagt: „Lass dir helfen, Mütterchen“ (oder so). Sie ist empört und weist ihn zurecht: „Das heißt Fräulein für Sie!“ Der Autor gibt uns zu verstehen, dass wir dies als Parabel zu verstehen haben, die verdeutlicht, dass die neue, egalitäre Nachkriegskultur eine alte Form von „Bürgerlichkeit“ unmöglich gemacht hat. „Nivellierte Mittelschichtskultur“ nennen das die Historiker. Das Kastenhafte der alten Schichten verschwindet, die breite Mittelschicht strömt in die Universitäten, Haushaltshilfen werden teurer und Privilegien werden sich, soweit sie weiter existieren, in Zukunft tatsächlich aus Geld alleine speisen. Wie sehr dies der „gesellschaftlichen Realität“ entspricht soll uns hier nicht beschäftigen; unzweifelhaft ist aber, dass das weit verbreitete bürgerliche Privileg des „Bedientwerdens“ nach dem zweiten Weltkrieg der Vergangenheit angehört. In der sich durchsetzenden egalitären Kultur scheint es bald als ein exzentrischer Anachronismus, „Bedienstete“ zu haben – und geradezu wunderlich, wenn diese auch noch im gleichen Haus untergebracht sind. Die wirtschaftliche Lage breiter Bevölkerungsschichten verbessert sich zusehends und es wird schwieriger, sich fremde Arbeit leisten zu können. Gleichzeitig wird „Bedientwerden“ zum Privileg der Massen und selbst jeder Kellner und Hotelangestellter kann es sich bald leisten, Restaurants zu besuchen und in Hotels zu übernachten.

Das Wort „Bediensteter“ ist heute verpönt, da in ihm noch jenes offene Klassenverhältnis der beiden Parteien mitschwingt. Die Arbeit der Bediensteten gibt es natürlich auch heute noch, doch wird sie Service oder Dienstleistung genannt und soll sich neben alle anderen wirtschaftlichen Tätigkeiten einreihen, die kein Ausdruck von Klassenbeziehungen sind, sondern eben autonome, wertfreie Aktivitäten der Individuen. Aus den Bediensteten im Familienbesitz des Großbürgertums ist die Putzhilfe der bescheidenen Mittelschicht geworden.

Lässt man für einen Moment dieses überzeichnete Bild zu, nach dem die Vorkriegsgesellschaft geprägt war von starren, unentrinnbaren sozialen Klassengegensätzen, während wir heute in einer klassenlosen Meritokratie leben, drängt sich die unangenehme Vorstellung auf, wir alle trügen jene alte Klassengesellschaft in Form unserer persönlichen Familiengeschichte noch mit uns herum. In anderen Worten: Wo sind die Bediensteten (bzw. ihre Enkel) heute? Diese Frage verdanke ich einer Figur aus V.S. Naipauls spätem Roman Magic Seeds, einem Mitglied der englischen Oberschicht, der dem trashigem Charme einer Frau der Unterschicht erlegen ist, die er gleichzeitig begehrt und verabscheut.5 Er hat nun die interessante Theorie, dass die britischen Council Estates (Sozialwohnungskomplexe, wie die amerikanischen projects) von ziemlich genau den Nachfahren der Bediensteten-Klasse bewohnt werden. Da ihre Arbeit der Mittelschicht in der Nachkriegszeit nicht mehr zur Verfügung steht und sie deshalb überflüssig geworden sind, seien sie von fürsorglichen Labour-Regierungen in die Arbeitslosigkeit und die Estates entsorgt worden. In England, mit seiner ausgeprägten Klassengesellschaft, hat dieses Gedankenspiel tatsächlich eine Berechtigung, muss man doch davon ausgehen dass es in diesem Land mal eine Bevölkerungsgruppe gegeben hat, deren Zahl in die Millionen ging und deren Aufgabe im Leben darin bestand, der Oberschicht zu diensten zu sein. Was ist aus ihnen geworden?

Die Klassendimension der Service-Arbeit in einer nivellierten Mittelschichtssgesellschaft ist ein vertracktes und subtiles Problem. Und so kann man aufatmen, wenn sich die Zeichen mehren, dass wir auf dem Weg zurück zur Normalität sind. Wachsender Reichtum und sinkende Löhne (und eine Rezession die beide Trends verstärkt) scheinen den Lebensstil des Bedientwerdens wieder möglich zu machen. Einem Artikel zufolge, der im April im britischen Telegraph erschienen ist6, arbeiten zurzeit mehr als zwei Millionen Menschen in England als Haushaltshilfen. Dies sind natürlich zum größten Teil die schon erwähnten Teilzeit-Putzhilfen der Mittelschicht, aber auch der im Haus wohnende Bedienstete ist zurückgekehrt. Im selben Artikel heißt es etwa, es gebe im (unglaublich) teuren Londoner Bezirk Mayfair heute mehr Bedienstete als vor 200 Jahren. Etwa 85 Prozent aller Haushalte haben so jemanden im Keller oder im Dachboden wohnen.7 Auch die am Anfang erwähnte Gründerin der Agentur für „high-end domestic staff“ konstatiert einen steigenden Bedarf an traditionellen Butlern. Der Telegraph sieht in dieser Entwicklung eine Rückkehr zur Normalität nach „the 20th-century culture of housewives doing everything for themselves [which] was a brief blip in British history when servants went out of fashion“. Wir können also beruhigt sein: Die schlechte, alte Welt, die so viel einfacher war – sie kehrt zurück.

Das ist natürlich eine unzulässige polemische Zuspitzung: wir sind nicht auf dem Weg zurück zu einer Klassengesellschaft, wie es sie am Anfang des 20. Jahrhunderts gegeben hat. Zwar dürfte der ökonomische Graben, der damals die Bourgeoisie von ihren Bediensteten getrennt hat, dem zwischen der heutigen globalen Geldelite und ihren Serviceangestellten in nichts nachstehen. Doch die Zeit, in der ein Regierungschef eines europäischen Landes sich gezwungen fühlte, Unterricht zu nehmen, um sich einen Oberschichtakzent zuzulegen, liegt doch Jahrzehnte zurück.8 Die kulturellen Grenzen zwischen den gesellschaftlichen Schichten sind in unserer Wahrnehmung flüssiger geworden, gleichzeitig unbedeutender und leichter zu überqueren.

Tatsächlich aber ist es auch heute möglich, anhand von äußeren Merkmalen Individuen ziemlich genau sozioökonomisch einzuordnen. Schaut man sich die Lebensumstände eines Menschen an, ist es einfach, ihn einer Schicht zuzuordnen. Das ist selbstverständlich. Aber auch wenn man ihm isoliert von seiner Lebenswelt begegnet, fällt es oft erschreckend leicht, ihn sozioökonomisch zu bestimmen. Dies ist ein Wissen, dass jeder besitzt und ständig intuitiv anwendet, das aber nicht offen formuliert werden darf. Allein in der Entrüstung über die Exzesse der Unterschicht kann es sich hervorwagen, aber eben nur weil es sich dann nicht dem Begriff der Klasse bedient, sondern von einem Standpunkt der Mittelschichtsvernunft aus argumentiert, einem common-sense, der die besonderen Regeln des Mittelschichtlebens als schlicht normal und universell versteht. Wenn die Disziplinlosigkeit, Promiskuität und Ignoranz der Unterschicht beklagt wird, sind die Werte, die ihr entgegengehalten werden, nicht ideologische Ideen einer kulturellen Bürgerlichkeit, sondern schlicht die reinen Sekundärtugenden, die angeblich nötig sind, um ein verantwortungsbewusstes Leben zu führen. In einer Gesellschaft wie den USA, wo kulturelle Distinktion schon immer verpönter war als in Europa, ist es geradezu Erkennungsmerkmal und wichtigstes Element der sozialen Identität der gehobenen Mittelschicht geworden, dass sie ein diszipliniertes Leben führt. Selbstkontrolle ist das Erkennungsmerkmal dieser nichtrauchenden, gut trainierten, sich bewusst ernährenden Elite, die vernünftige Karriereentscheidungen trifft, als läge es ihr im Blut. Die Zügel fahren zu lassen ist ein Stigma der Verlierer. So kann Verachtung der Armen daherkommen als moralisch reine Empörung über sündige Exzesse einzelner Menschen.

In Wirklichkeit gibt es eine Unzahl kleinster kultureller Signale, die anzeigen, welcher Schicht man angehört und die nichts damit zu tun haben, ob man zu viel raucht oder trinkt. Man kann vielen Menschen buchstäblich an der Hose ansehen, welcher Schicht sie entstammen, genauso wie die Volksmeinung eindeutig Bescheid zu wissen glaubt, in welchen Schichten die Gewohnheit zu Hause ist, seinen Kindern vorzulesen. Jugendliche sind wie immer ehrlicher als Erwachsene und bezeichnen die, die ihnen so erscheinen, unumwunden als Asis oder Bonzen – Begriffe, die für die beiden Pole der sozialen Abgrenzung stehen. Tritt man aber ins verantwortungsbewusste Erwachsenenleben ein, wird es zu einem der größten Tabus, schichtspezifische Eigenschaften eines Menschen als solche anzusprechen. „Soziale Distinktion“ ist ein Allgemeinplatz der Soziologie und intellektualisierter Mittelschichtshipster, real aber wird sie von unser aller inneren Zensur verborgen.

Vor einiger Zeit habe ich in einem Restaurant gearbeitet, dass zwar nicht besonders teuer oder „fein“ war, aber eindeutig einen urbanen Mittelschichts-Vibe hatte (mit anspruchsvollem Design und sozialer Unternehmensmission und so). An einem Tag, als ich allein mit meiner Chefin arbeitete, kam eine Frau zur Probeschicht vorbei. Fast jede Servicekraft dort war Student; diese Frau aber war auf den ersten Blick anders, sowohl im Erscheinungsbild als auch in ihren Umgangsformen. Es genügt zu sagen, denke ich, dass sie diese weißen, kantigen Pornostarfingernägel hatte. Sie war freundlich und professionell (im Gegensatz zu mir, muss ich sagen), als sie aber gegangen war und mich meine Chefin fragte was ich von ihr hielt, mussten wir uns, ohne es direkt auszusprechen, eingestehen, dass sie nicht passte. Meine Chefin war ein guter Mensch, und sie hat nicht verborgen, wie unangenehm ihr die Entscheidung war, die sie jetzt fällen musste. Und ich möchte sie auf keinen Fall denunzieren, wenn ich das erzähle. Sie war Angestellte und hat ihren Job gemacht. Aber die Frau wurde natürlich nicht eingestellt.

2 Das scheint übrigens ein feststehender Begriff zu sein. Es gibt auch Giga- und Megayachten.

3Dies soll keineswegs als Kritik an der Großartigen Jean Rhys verstanden werden. Wer ihr zurufen möchte, sie solle sich doch gefälligst einen Job suchen, der hat nichts verstanden.

4Selbstverständlich ist dieses Buch kein Realismus oder eine verlässliche Beschreibung der gesellschaftlichen Realität. Aber der Roman ist stark autobiographisch geprägt und gibt meiner Meinung nach Einblick in Ansichten und Haltungen, die typisch für die Schicht des Autors in jenem historischem Kontext waren. (Der, zugegeben, russisch und damit sehr speziell ist.)

5 Ein Moment hat sich ihm eingeprägt und ihn nicht wieder losgelassen: Er sah, wie ihre tiefsitzende Jogginghose ihren Tanga freigab, und es war um ihn geschehen.)

7„Much of the time, the towering Georgian and Victorian terraced houses of Belgravia now have only servants living in them – their master and mistresses are drifting around the world, from yacht to schloss to Park Avenue apartment, in search of pleasure or tax avoidance. Drive round the area at night, and it’s only the lights in the attics and the basements – the servants‘ quarters – that are on.“

8 Drei Jahrzehnte, um genau zu sein: Es war Margaret Thatcher.